Anti-Kaufrausch

Endlich es hat eröffnet. Das neue Shopping-Center in dem sich seit Neuestem mein Lieblingssupermarkt und etliche andere Geschäfte befinden. Die Eröffnung war letzte Woche. Heute will ich die günstige Gelegenheit nutzen und das neue Einkaufserlebnis wagen.

Das versprochene Einkaufserlebnis beginnt jedoch nicht gut. Es gibt keine Parkplätze. Warum auch? Laufen ist gesund, der Ärger der sich unweigerlich bei der vergeblichen Suche einstellt, bringt den Kreislauf in Schwung. Und überhaupt ist die motorisierte Fortbewegung ein überholtes Konzept, oder nicht?

Wie dem auch sei. Versiert in all den Jahren, die ich in Großstädten gelebt habe, schaffe ich es einen der begehrten Parkplätze zu ergattern. Ha! Na also, Konsumrausch hier bin ich … oder … Halt! Seit dem Möbelfiasko kaufe ich nur noch überlegt und selektiv.

Ich darf diesen Vorsatz nur nicht vergessen. „Überlegt und selektiv“ wird zu meinem neuen Mantra.

Die Schiebetüren öffneten sich mit einem leisen Zischen und ich trete ein ins Paradies. Mehrere hundert Quadratmeter Supermarkt erstrecken sich vor mir.

Ich liebe das. Seit ich auf den Seychellen gelebt habe, wo man circa drei Supermärkte (ein sehr optimistische Umschreibung für diese Läden) besuchen muss, um die Zutaten für eine Mahlzeit zu kaufen, genieße ich die Auswahl in den deutschen Geschäften. Es ist toll. Nur ein Laden und ich kann nicht nur für das nächste Jahr Lebensmittel einkaufen, sondern zusätzlich die gesamte Familie einkleiden. Was will man mehr?

Ein halbe Stunde später habe ich alles, um die nächsten drei Monate überleben zu können. Vorräte anzulegen ist immer eine gute Idee, vor allem wenn der Winter naht!

Ich habe kaum meine Einkäufe im Kofferraum verstaut, als mich eine Leuchtreklame innehalten lässt. In dem Center hat ein neues Bekleidungsgeschäft eröffnet und ich brauche noch unbedingt ein paar kuschelige, warme Winterpullover.

„Überlegt und selektiv. Überlegt und selektiv. Überlegt und …“, murmele ich vor mich hin, während ich mir einen Weg zu dem neuen Einkaufsmekka bahne.

Nur wenige Minuten später stehe ich an der Kasse, beladen mit vier Pullovern, zwei Jeans, einer dicken Jacke und mehreren T-Shirts (der Sommer kommt meist schneller, als man denkt).

Zum Glück bin ich ein geduldiger Mensch.

Die Kassiererin benötigt fünf gefühlte Minuten pro Kleidungsstück. Dummerweise hat die Kundin vor mir einen ganzen Berg auf dem Tresen liegen. Die Frau kann sich offensichtlich nicht so gut beim Einkaufen beherrschen wie ich. Vielleicht sollte sie es mal mit einem Mantra versuchen.

Sie braucht eine Kundenkarte! Muss das sein?

Dann endlich!, zahlt sie. Die Kassiererin nimmt die Eurocard entgegen und führt sie zielsicher und laaangsam in den Kartenterminal ein.

Zum Glück lernt man als Autorin Geduld zu haben. Wenn man ein Jahr lang auf die Absage eines Verlages warten kann, ist das hier ein Kinderspiel.

Deshalb macht es mir auch nichts aus eine halbe Stunde lang zu herum zu stehen, bis ich an der Reihe bin. Um mir die Zeit zu vertreiben, lasse ich einen Film vor meinem inneren Auge ablaufen in dem ich meine Einkäufe auf den nächsten Tisch pfeffere und das Geschäft verlasse. Die Vorstellung wie mich alle entsetzt anschauen und sich der Einkaufsleiter die Haare raufte ob des entgangenen Umsatzes, hebt meine Laune ein wenig.

Sehr wenig, denn da vorne tut sich noch immer nichts. Kundin und Kassiererin starren den Kartenterminal an, als könne er ihre Zukunft vorhersagen.

Aber das macht nichts. Ich bin ein geduldiger Mensch.

Toll! Es hat nur eine halbe Stunde gedauert, aber jetzt ist die Kundin mit dem Bezahlen fertig, hat ihre Tüte genommen und den Laden verlassen. Nur noch ein weiterer Zahlungswilliger, dann bin ich dran.

Es ist ein Mann. Typischerweise hat er fast nichts gekauft. Nur eine Trainingshose und … irgendetwas anderes. Undefinierbar. Egal. Das wird schnell gehen!

Ich frage mich nur, warum er so lange gewartet hat, um diese hässliche Hose zu bezahlen.

Die Kassiererin bleibt ihrer Natur treu und lässt sich nicht von meiner Mine beirren. Ich bin mittlerweile ein klein wenig ungeduldig. Kaum merkbar. Ich muss nur meine Gesichtszüge vom Boden aufklauben, wenn ich endlich dran bin.

Für diese zwei mickrigen Einkäufe kann sie nicht lange brauchen.

Zehn Minuten später ist es soweit. Dem Kunden vor mir wird der Betrag genannt und kann zahlen. Wenn da nicht ein kleiner Fehler passiert wäre. Es sind fünfzig Cent zu viel.

Verdammter M…

Die Kassiererin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Gelassen nimmt sie den Telefonhörer in die Hand, um eine Vorgesetzte zu rufen.

Vielleicht ist es doch nicht so kalt da draußen.

Möglich, dass ich die Pullover gar nicht brauche. Und Jeans habe ich eigentlich auch genug. Und was den Sommer anbelangt …

Die Vorgesetzte kommt. Sie bewegt sich genauso langsam wie die übrigen Angestellten.

Ok. Ich bin auch der Meinung, dass in unserer Gesellschaft alles zu schnell geht. Aber für heute reicht es mir.

Genau wie in meinem Film werfe ich die Kleidungsstücke auf einen der Wühltische. Allerdings starrt mich niemand entsetzt an.

Verflixt, jetzt muss ich morgen noch einmal hierher kommen …

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3 Antworten zu Anti-Kaufrausch

  1. birgitkluger schreibt:

    Warum bin ich noch einmal dort hingegangen? Warum?

  2. birgitkluger schreibt:

    Wenigstens habe ich diesen seltsamen, wuscheligen Pullover in dem ich aussehe wie ein verhinderter Eisbär, nicht gekauft.

  3. birgitkluger schreibt:

    Dafür aber fünf andere. War schon fast peinlich. Ich war die Einzige an der Kasse mit so vielen Pullovern. Zum Glück waren zwei davon Männerpullover, damit habe ich sie getäuscht. Ha! Weiß ja niemand, dass ich im Winter am liebsten warme, kuschelige Zelte trage.

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